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Meine Meinung · 13. September 2026

Berlin wählt: Arm, teuer – und noch sexy?

Vor der Berlin-Wahl am 20. September fragt Ralf Bornemann alle Parteien nach konkreten Lösungen für Wohnen, Schulen, Verwaltung und sozialen Zusammenhalt – ohne Wahlempfehlung.

Meine Meinung zur Berlin-Wahl 2026

Wer hat eine glaubwürdige Idee davon, wie Berlin wieder sexy wird – und dabei endlich besser funktioniert?

In einer Woche hat Berlin entschieden. Bis dahin sollten wir nicht nur auf Wahlplakate schauen, sondern genauer fragen, wie unsere Stadt künftig funktionieren soll.

„Arm, aber sexy“ – dieser Satz hat Berlin einmal ziemlich treffend beschrieben. Er war frech, selbstironisch und irgendwie typisch Berlin.

Heute könnte man fragen: Arm? Für viele Menschen leider noch immer. Sexy? Darüber lässt sich streiten. Teuer? Aber so was von.

Am 20. September wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Und bevor jetzt jemand von mir eine Wahlempfehlung erwartet: Die gibt es nicht.

Ich halte die Berlinerinnen und Berliner für durchaus fähig, selbst ein Kreuz zu machen.

Aber vielleicht sollten wir vor diesem Kreuz einmal etwas genauer hinschauen.

Denn Wahlkampf bedeutet inzwischen häufig: große Plakate, große Versprechen und erstaunlich kleine Buchstaben, wenn es darum geht, wie das alles eigentlich funktionieren soll.

Also stelle ich den Parteien eine ganz einfache Frage: Was wollt ihr tun, damit Berlin wieder sexy wird?

Und mit „sexy“ meine ich nicht noch eine hippe Bar in Kreuzberg, den nächsten Pop-up-Store oder einen neuen englischen Namen für eine alte Behördenleistung.

Ich meine eine Stadt, die funktioniert.

CDU – regieren allein reicht nicht

Die CDU stellt derzeit den Regierenden Bürgermeister. Das ist schon einmal ein klarer Vorteil: Man muss nicht erklären, was man irgendwann einmal machen würde. Man kann zeigen, was man gemacht hat.

Und genau da wird es interessant.

Ist Berlin inzwischen spürbar besser organisiert? Ist die Verwaltung schneller? Finden Menschen leichter eine Wohnung? Funktionieren Schulen, Verkehr und öffentliche Infrastruktur so, wie man es von der Hauptstadt einer der größten Volkswirtschaften der Welt erwarten dürfte?

Oder braucht es für die sichtbaren Erfolge einfach noch ein paar Legislaturperioden?

Berlin braucht keine Verwaltung des Chaos. Berlin braucht weniger Chaos.

SPD – Berlin und die alte Liebe

Die SPD und Berlin – das war einmal fast so etwas wie eine politische Langzeitbeziehung.

Aber wie das mit langen Beziehungen manchmal ist: Irgendwann sitzt man gemeinsam am Frühstückstisch und fragt sich, ob man eigentlich noch dieselben Vorstellungen vom Leben hat.

Die SPD muss beantworten, wofür sie im Berlin des Jahres 2026 eigentlich steht.

Für soziale Sicherheit? Dann muss sie erklären, wie Wohnen wieder bezahlbarer wird.

Für Arbeitnehmer? Dann sollte sie zeigen, wie sich auch Menschen mit normalen Einkommen diese Stadt weiterhin leisten können.

Tradition ist schön. Aber auf einem Wahlzettel gibt es leider keine Treuepunkte.

Die Grünen – zwischen Weltrettung und Berliner Alltag

Klimaschutz ist notwendig. Darüber sollten wir im Jahr 2026 eigentlich nicht mehr ernsthaft diskutieren müssen.

Aber Politik muss die Menschen mitnehmen.

Wer morgens zur Arbeit muss, Kinder zur Schule bringt oder einen Handwerksbetrieb führt, möchte nicht jedes Mal das Gefühl bekommen, Teil eines sozialökologischen Erziehungsexperiments zu sein.

Berlin soll grüner werden.

Sehr gerne.

Aber vielleicht wäre es hilfreich, wenn man dabei gelegentlich daran denkt, dass die Berlinerinnen und Berliner in dieser Stadt nicht nur wohnen, sondern sich auch noch irgendwie durch sie hindurchbewegen müssen.

Die Linke – eine Wohnung wäre auch ganz schön

Bei kaum einer Partei ist das Thema Mieten und Wohnen so präsent.

Und tatsächlich: Berlin braucht dringend bezahlbaren Wohnraum.

Nur kann man in einer politischen Grundsatzdebatte leider nicht wohnen.

Menschen brauchen Wohnungen. Gebaut. Bezugsfertig. Bezahlbar.

Es darf deshalb auch einmal die Frage erlaubt sein, ob Berlin mehr davon hat, jahrelang über Eigentumsfragen zu diskutieren – oder vielleicht einfach deutlich schneller und mehr Wohnungen zu bauen.

Eine bezahlbare Wohnung ist am Ende überzeugender als das schönste Grundsatzpapier.

AfD – Wut ist noch kein Stadtentwicklungskonzept

Die AfD weiß ziemlich genau, was ihrer Meinung nach in Deutschland und Berlin alles falsch läuft.

Das ist für eine Oppositionspartei zunächst nichts Ungewöhnliches.

Nur irgendwann kommt nach der Diagnose normalerweise die Therapie.

Wie wird Berlin wirtschaftlich stärker? Wie entstehen bezahlbare Wohnungen? Wie verbessern wir Schulen? Wie funktioniert Verwaltung schneller? Wie sichern wir sozialen Zusammenhalt in einer Stadt, in der Menschen unterschiedlichster Herkunft miteinander leben?

Protest kann ein Wahlergebnis erklären. Aber Protest allein regiert keine Millionenstadt.

Berlin braucht Lösungen – nicht nur jemanden, der besonders laut erklärt, wer angeblich an allem schuld ist.

FDP – Freiheit sucht Wähler

Dann wäre da noch die FDP.

Die Liberalen sprechen gerne von Freiheit, Eigenverantwortung, weniger Bürokratie und wirtschaftlicher Vernunft.

Eigentlich Themen, bei denen man in Berlin angesichts mancher Verwaltungserfahrung durchaus offene Ohren finden könnte.

Das Problem ist nur:

Bevor die FDP Berlin von ihren Ideen überzeugen kann, muss sie erst einmal wieder genügend Berliner davon überzeugen, dass die FDP selbst noch eine gute Idee ist.

Vielleicht wäre das ja der Anfang:

Weniger darüber reden, warum der Markt alles richten könnte – und konkreter erklären, wie die Stadt funktionieren soll.

BSW – Kritik können viele

Und dann das BSW.

Neue beziehungsweise jüngere Parteien haben einen großen Vorteil: Für vieles, was in den vergangenen Jahrzehnten schiefgelaufen ist, kann man ihnen nur schwer die Verantwortung geben.

Sie haben allerdings auch einen Nachteil:

Irgendwann reicht es nicht mehr, zu erklären, warum die anderen es falsch machen.

Berlin braucht Antworten auf ziemlich konkrete Fragen:

Wie schaffen wir Wohnraum? Wie verbessern wir Schulen? Wie entlasten wir Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen? Wie wird die Verwaltung moderner? Wie stärken wir Wirtschaft und sozialen Zusammenhalt?

Wer politische Alternative sein möchte, muss irgendwann zeigen, wohin die Alternative eigentlich führen soll.

Und die anderen?

Natürlich treten noch weitere Parteien an.

Das ist gut so.

Demokratie lebt davon, dass Menschen unterschiedliche Ideen haben und diese zur Wahl stellen.

Kleine Parteien sollten deshalb nicht automatisch belächelt werden. Manchmal entstehen politische Veränderungen gerade dort, wo die etablierten Parteien bestimmte Themen jahrelang übersehen haben.

Aber auch für sie gilt:

Ein origineller Parteiname ersetzt kein Konzept.

Vielleicht sollten wir Berlin einmal anders betrachten

Ich wünsche mir keine rote, schwarze, grüne, gelbe, blaue oder dunkelrote Stadt.

Ich wünsche mir eine Hauptstadt, die funktioniert.

Eine Stadt, in der ein Termin beim Amt keine Lebensplanung benötigt.

Eine Stadt, in der Menschen mit normalem Einkommen wohnen können.

Eine Stadt, in der gute Schulen nicht vom Wohnbezirk abhängen.

Eine Stadt, in der Unternehmer nicht an Formularen verzweifeln.

Eine Stadt, die sozial bleibt, ohne jede Eigenverantwortung abzuschaffen.

Eine Stadt, die vielfältig sein kann, ohne Probleme schönzureden.

Und eine Stadt, die sich verändern kann, ohne dabei ihren besonderen Charakter zu verlieren.

Vielleicht wäre das das neue „sexy“.

Deshalb: Gehen Sie wählen!

Ich werde Ihnen nicht sagen, welche Partei Sie wählen sollen.

Im Gegenteil.

Hinterfragen Sie sie alle.

Lesen Sie nicht nur Wahlplakate. Fragen Sie nach. Vergleichen Sie. Widersprechen Sie. Und lassen Sie sich weder von Angst noch von schönen Versprechen das Denken abnehmen.

Und dann treffen Sie Ihre Entscheidung.

Denn Demokratie bedeutet nicht, alle vier oder fünf Jahre begeistert von einer Partei zu sein.

Demokratie bedeutet auch, zwischen verschiedenen Möglichkeiten abzuwägen und Verantwortung für die eigene Entscheidung zu übernehmen.

Berlin war einmal „arm, aber sexy“.

Vielleicht sollte die Frage bei dieser Wahl deshalb nicht nur lauten:

Wer soll Berlin regieren?

Sondern:

Wer hat eine glaubwürdige Idee davon, wie Berlin wieder sexy wird – und dabei endlich besser funktioniert?

Am 20. September haben die Berlinerinnen und Berliner das Wort.

Nutzen wir es.

Quellen und Nachweise

Ralf BornemannUnabhängig · parteilos · aus der Praxis

Persönliche Stellungnahme von Ralf Bornemann – Sozial- & Schuldnerberater | Coach & Mediator – ohne politisches Amt und ohne Bindung an eine Partei.