Erkrankung, Sucht oder Unfall waren 2025 der häufigste Auslöser einer Überschuldung. Arbeitslosigkeit folgte mit rund 17 Prozent.
„Überschuldung beginnt häufig nicht beim Einkauf, sondern beim Arzt.“
Wer überschuldet ist, gilt noch immer schnell als selbst schuld: zu viel gekauft, schlecht gewirtschaftet, den Überblick verloren. Dieses Bild ist bequem – mit der Wirklichkeit hat es jedoch häufig wenig zu tun.
Nach der aktuellen Überschuldungsstatistik des Statistischen Bundesamtes waren Erkrankung, Sucht oder Unfall im Jahr 2025 der häufigste Auslöser einer Überschuldung. Arbeitslosigkeit folgte mit rund 17 Prozent. Die Ergebnisse beruhen auf den Angaben von 738 der rund 1.360 Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen und bilden deshalb nicht alle überschuldeten Menschen in Deutschland ab. Sie zeigen aber sehr deutlich, mit welchen Lebenslagen Menschen in der Beratung ankommen.
Überschuldung beginnt häufig nicht beim Einkauf, sondern beim Arzt.
Wenn eine Krankheit das ganze Leben verändert
Eine schwere Erkrankung bedeutet nicht nur gesundheitliche Sorgen. Sie kann das gesamte wirtschaftliche Gleichgewicht eines Haushalts zerstören.
Das Einkommen sinkt, während Miete, Strom, Versicherungen, Kredite und Unterhaltsverpflichtungen weiterlaufen. Gleichzeitig können zusätzliche Kosten für Medikamente, Fahrten, Hilfsmittel oder Unterstützung im Alltag entstehen.
Wer vorher gerade so über die Runden gekommen ist, besitzt häufig keine ausreichenden Rücklagen. Dann reichen bereits wenige Monate mit geringerem Einkommen, um aus einem finanziellen Engpass eine dauerhafte Schuldenkrise werden zu lassen.
In meiner Beratung erlebe ich seit vielen Jahren, dass Menschen nicht überschuldet sind, weil sie verantwortungslos gelebt haben. Viele haben gearbeitet, ihre Rechnungen bezahlt und ihre Verpflichtungen ernst genommen – bis eine Krankheit, ein Unfall, eine Trennung oder der Verlust des Arbeitsplatzes alles verändert hat.
Sucht ist keine moralische Schwäche
Besonders schnell wird über Menschen geurteilt, deren Überschuldung mit einer Alkohol-, Drogen- oder Glücksspielsucht zusammenhängt.
Natürlich müssen auch eigene Entscheidungen angesprochen werden. Schuldnerberatung darf Probleme nicht beschönigen. Aber eine Suchterkrankung lässt sich nicht durch moralische Vorwürfe oder den Satz „Du hättest es besser wissen müssen“ lösen.
Wer eine Sucht überwinden will, braucht professionelle Unterstützung, verlässliche Strukturen und häufig einen langen Atem. Eine Schuldenregulierung allein reicht nicht aus, wenn die Ursache der finanziellen Probleme unbehandelt bleibt. Umgekehrt wird eine erfolgreiche Therapie erschwert, wenn gleichzeitig Kontopfändungen, Mahnungen, Kündigungen oder existenzielle Geldsorgen den Alltag bestimmen.
Suchtberatung, medizinische Versorgung, Sozialberatung und Schuldnerberatung müssen deshalb viel enger zusammenarbeiten. Die betroffenen Menschen benötigen abgestimmte Hilfe – und keine weitere Runde durch unterschiedliche Behörden und Zuständigkeiten.
Ein Fall aus meinem Buchprojekt
In meinem fertigen Buchmanuskript beschreibe ich – vollständig anonymisiert – einen Mann, der auf den ersten Blick stark und unangreifbar wirkte: muskulös, tätowiert und selbstbewusst. Hinter dieser Fassade stand jedoch ein Mensch, der durch Alkohol, Drogen und Spielsucht fast alles verloren hatte – seine Familie, seine finanzielle Sicherheit und zeitweise auch den Glauben an sich selbst.
Entscheidend war nicht, ihm weitere Vorwürfe zu machen. Entscheidend war, dass er bereit war, Hilfe anzunehmen und trotz Rückschlägen weiterzumachen. Heute ist er trocken und schuldenfrei.
Seine Geschichte zeigt, dass Menschen sich verändern können, wenn Beratung nicht nur Forderungen sortiert, sondern den ganzen Menschen betrachtet.
Schulden machen krank – und Krankheit macht Schulden
Die Verbindung zwischen Gesundheit und Überschuldung funktioniert in beide Richtungen. Krankheit kann zu Schulden führen. Gleichzeitig können dauerhafte finanzielle Sorgen Menschen krank machen.
Schlafstörungen, Angstzustände, Depressionen und sozialer Rückzug können Folgen einer ausweglos erscheinenden finanziellen Situation sein. Viele Betroffene öffnen ihre Post nicht mehr, gehen nicht ans Telefon und reagieren nicht auf Schreiben von Gläubigern oder Behörden. Von außen sieht das nach Gleichgültigkeit aus. In Wirklichkeit stecken häufig Angst, Scham und völlige Überforderung dahinter.
Je länger Menschen schweigen, desto größer wird das Problem. Aus einer überschaubaren Forderung werden durch Gebühren, Zinsen und Vollstreckungskosten schnell deutlich höhere Schulden. Deshalb brauchen wir eine Beratungskultur, die frühzeitig Hilfe anbietet und nicht erst dann reagiert, wenn das Konto bereits gepfändet, die Wohnung gefährdet oder die Energieversorgung unterbrochen ist.
Wenn der Staat selbst zum Gläubiger wird
Besonders nachdenklich macht eine weitere Zahl der Überschuldungsstatistik: Rund 57 Prozent der beratenen Personen hatten offene Forderungen gegenüber öffentlichen Stellen – beispielsweise gegenüber Finanzämtern, Kranken- und Rentenversicherungsträgern, der Bundesagentur für Arbeit oder Jobcentern.
Gerade öffentliche Stellen sollten soziale und gesundheitliche Notlagen frühzeitig erkennen. Statt standardisierter Mahn- und Vollstreckungsabläufe braucht es erreichbare Ansprechpartner, verständliche Schreiben und realistische Ratenvereinbarungen.
Der Staat kann nicht auf der einen Seite Prävention und soziale Sicherheit versprechen und auf der anderen Seite durch unflexible Verfahren finanzielle Krisen weiter verschärfen.
Nicht jede Überschuldung ist unverschuldet
Zur Ehrlichkeit gehört auch: Nicht jede Überschuldung entsteht durch Krankheit oder einen Schicksalsschlag. Konsum auf Kredit, Ratenkäufe, fehlende finanzielle Bildung und der sorglose Umgang mit „Buy now, pay later“-Angeboten spielen ebenfalls eine Rolle.
Auch darüber muss gesprochen werden – offen und ohne Verharmlosung. Aber selbst dann helfen keine pauschalen Schuldzuweisungen. Entscheidend ist, Verantwortung zu übernehmen, die Ursachen zu erkennen und das eigene Verhalten dauerhaft zu verändern.
Schuldnerberatung bedeutet deshalb nicht, Menschen jede Verantwortung abzunehmen. Sie soll sie dabei unterstützen, wieder handlungsfähig zu werden.
Meine Forderung: früher helfen und besser zusammenarbeiten
Wer Überschuldung wirksam bekämpfen will, muss früher ansetzen. Wir brauchen:
- eine bessere Zusammenarbeit zwischen Gesundheitswesen, Suchtberatung, Sozialleistungsträgern und Schuldnerberatung,
- frühzeitige Hinweise auf unabhängige Beratungsangebote,
- verständliche Schreiben und erreichbare Ansprechpartner bei Behörden,
- tragfähige Ratenvereinbarungen statt vorschneller Vollstreckung,
- mehr finanzielle Bildung und Prävention,
- ausreichend qualifizierte Beratungsangebote ohne monatelange Wartezeiten.
Mein Fazit
Überschuldete Menschen brauchen keine moralische Verurteilung. Sie brauchen eine ehrliche Bestandsaufnahme, professionelle Hilfe und die Bereitschaft, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten.
Überschuldung ist häufig nicht das Ergebnis eines schlechten Charakters. Sie ist oftmals die finanzielle Folge einer gesundheitlichen oder persönlichen Krise. Wer das erkennt, entschuldigt nicht jedes Verhalten. Aber er beginnt endlich dort zu helfen, wo Hilfe wirklich etwas verändern kann.
Diese und weitere Erfahrungen aus rund 20 Jahren Beratung fließen auch in mein entstehendes Buch „Deutschland ist noch zu retten. Packen WIR es endlich an.“ ein.
Quellen und Nachweise
Ralf Bornemann – Autor und Publizist
Experte für Schulden und Soziales

